Beyond Bézier: Zwei Mathematiker·innen der HTA-FR bei der Swiss Design Awards prämiert
Wenn die Schriftkunst auf die Fourier-Analyse trifft: Das Forschungsprojekt Beyond Bézier, initiiert von der ECAL und genährt durch die Arbeiten zweier Mathematikprofessor:innen der HTA-FR, gehört zu den Preisträgern der Swiss Design Awards 2026. Die Ergebnisse werden vom 16. bis 21. Juni in Basel ausgestellt.
Seit dem Anbruch der digitalen Typografie bestimmt eine unscheinbare Gleichung die Form nahezu aller Buchstaben, die wir auf dem Bildschirm lesen: die Bézier-Kurve. Elegant, glatt, berechenbar – sie ist zum universellen Standard der Software für Schriftgestaltung geworden. Doch was wäre, wenn man die Buchstaben anders zeichnen würde? Genau diese zugleich künstlerische und mathematische Frage erkundet das Projekt Beyond Bézier.
Ins Leben gerufen wurde das Projekt von Matthieu Cortat, Leiter des Master Type Design an der ECAL. Es geht von einer Beobachtung aus, die mehrere Lehrpersonen teilen: Mit den heutigen digitalen Werkzeugen werden die Schriftzeichen immer glatter, und es ist schwierig geworden, wirklich eigenwillige Schriften zu schaffen. Um diese kreative Sackgasse zu überwinden, wandte sich die ECAL an die Mathematik – und an die HTA-FR.
Zwei Mathematikprofessor:innen der HTA-FR (HES-SO), Florence Yerly und Micha Wasem, schlossen sich dem Vorhaben mit Begeisterung an. Statt Kurven Punkt für Punkt zusammenzusetzen, wie es Bézier tut, wandten sie sich der Fourier-Transformation zu – einem mathematischen Werkzeug, das eine Form in eine Summe von Kreisbewegungen zerlegt, ein wenig nach Art eines Spirografen.
Micha Wasem gelang es, die geschlossene Kontur von Buchstaben aus Kreisen unterschiedlicher Grösse und Rotationsgeschwindigkeit zu zerlegen und anschliessend wieder aufzubauen. Das Team trieb die Idee danach weiter, indem es den Kreis durch ein Dreieck konstanter Breite ersetzte - und damit den Weg zu Buchstaben ebnete, die mal vollkommen glatt, mal bewusst unregelmässig und texturiert sind.
Die Abbildung zeigt ganz links ein Y in der Schrift Arial und ganz rechts ein Y in der Schrift Times. Die Zeichen in der Mitte sind eine Mischung der beiden Schriften.
«Als Statistikerin habe ich mich gefragt, ob diese Daten eine quantitative Information über die Buchstaben und die Schriften liefern könnten», erklärt Florence Yerly. Die Antwort lautet ja: Durch die Analyse des Fourier-«Spektrums» jedes Zeichens konnte das Team messen, ob sich Buchstaben ähneln, Schriften mit oder ohne Serifen unterscheiden und sogar mehrere Schriften mit unterschiedlichen Gewichtungen mischen, um daraus neue zu schaffen – indem mehrere Ästhetiken mathematisch gekreuzt werden.
Um eine Datenbank von rund hundert Schriften zu verarbeiten, wurde die Analyse mit der Unterstützung von Beat Wolf, Professor für Informatik und Kommunikationssysteme (ISC) an der HTA-FR, und von Gaëtan Cogliati, Diplomand in ISC, automatisiert. Die mathematischen Arbeiten von Florence Yerly und Micha Wasem waren zudem Gegenstand einer wissenschaftlichen Veröffentlichung im renommierten Journal of Mathematics and the Arts (Mai 2026).
Die Jury der Swiss Design Awards würdigte «ein umfassendes Forschungsprojekt, das es wagt, eine Zukunft des Schriftdesigns jenseits der Bézier-Kurve zu denken», und hob fünf unterschiedliche Forschungsachsen mit unerwarteten Ergebnissen hervor sowie die pädagogische Tragweite des Projekts, das eine ganze neue Generation von Gestalterinnen und Gestaltern zu prägen vermag.
«Das Projekt hat andere Wege als Bézier aufgezeigt, und diese Begegnung von Kunst und Mathematik war sehr bereichernd», schliesst Florence Yerly.
Der Schweizer Designwettbewerb, der seit 1918 jährlich vom Bundesamt für Kultur durchgeführt wird, zeichnet die herausragendsten Leistungen des Schweizer Designs aus. Die 51 Finalprojekte werden im renommierten Rahmen der Art Basel präsentiert.
Das Projekt in Basel sehen
Ausstellung Swiss Design Awards, Halle 1.1, Messe Basel – vom 16. bis 21. Juni 2026 (Dienstag–Samstag 10–20 Uhr, Sonntag 10–18 Uhr). Eintritt frei.